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Das Selbst ist ein VerbWarum du dich jeden Morgen neu herstellst — und warum die Spiegel aufhören

Nach einer Trennung, nach einem Jobverlust, nach dem Auszug des letzten Kindes sagen Menschen denselben Satz: „Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin.“ Wir hören das als Verlust von etwas, das man hatte. Marcus Schmiekes Modell legt eine andere Lesart nahe — eine, die zunächst unbequemer ist und am Ende deutlich tröstlicher.

Von Wolfgang Blüml  ·  7. August 2026  ·  10 Min. Lesezeit

Eine menschliche Gestalt entsteht fortwährend neu aus kreisenden Lichtströmen und offenen Partikelbahnen

In den ersten drei Teilen dieser Serie ist eine Bewegung dreimal aufgetreten. Setzen, drehen, streuen als Grundgesetz. Dieselbe Bewegung auf der Ebene der Ordnung ergibt Leben. Dieselbe Bewegung auf der Ebene der Überzeugung ergibt Geist. Jetzt kommt die dritte und letzte Hebung — und die Struktur, die dabei herauskommt, ist von ungewöhnlicher Sparsamkeit: eine Gleichung, dreimal angewandt, jedes Mal auf das Ergebnis der vorigen Stufe.

Eine Überzeugung über Überzeugungen

Ein bewusstes System hält ein Bild von seinem Zustand und hält dieses Bild in Bewegung. Ein selbstbewusstes System tut eine Sache mehr: Es nimmt seinen eigenen Überzeugungszustand zum Gegenstand. Wo die zweite Ebene sagt Ich bin in Zustand X, sagt die dritte: Ich glaube, dass ich glaube, in X zu sein.

Was dabei stabilisiert wird, ist eine Vorstellung von sich, die über Zeit und Störung hinweg bestehen bleibt. Wichtig ist, wie Schmieke diese Referenz beschreibt: Sie ist nicht angeboren und nicht fest. In einem lebendigen System wird sie von Entwicklung, Erinnerung, Lernen und sozialem Leben geformt. Der Formalismus verlangt von ihr nur zweierlei: dass sie sich langsamer verändert als die Überzeugungen von Moment zu Moment, und dass sie eine stabilisierende Wirkung ausübt.

Identität ist damit, in Schmiekes Formulierung, kein fester Inhalt, sondern ein Sollwert, zu dem ein System zurückzukehren arbeitet.

„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin“

Genau dieser letzte Halbsatz — bis sie ins Stocken gerät — ist der Grund, warum ich dieses Kapitel für praktisch halte und nicht nur für elegant.

Nach einer Trennung, nach dem Verlust der Arbeit, nach dem Auszug des letzten Kindes, nach dem Tod eines Menschen, an dem man sich ausgerichtet hat, kommt bei vielen derselbe Satz: Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Wir hören das normalerweise als Verlust eines Gegenstands — als hätte jemand etwas verlegt, das er vorher besaß.

In Schmiekes Modell ist es etwas anderes, und es erklärt die Erfahrung besser. Wenn das Selbst eine Aufführung ist, dann ist die Aufführung auf eine Bühne angewiesen: auf die Rollen, die Rückmeldungen, die Wiederholungen, an denen sie sich täglich neu prüft. Wird die Bühne abgeräumt, dann ist nicht das Selbst verschwunden. Es ist die tägliche Arbeit, mit der es sich bestätigt hat, plötzlich ins Leere gelaufen.

Das ist zunächst die unbequemere Lesart: Es gibt kein festes Ich, das man einfach wiederfinden könnte. Und es ist am Ende die tröstlichere: Was man verloren hat, ist keine Substanz, sondern eine Praxis — und Praxis kann man wieder aufnehmen, auf einer anderen Bühne. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich das Gefühl, wieder man selbst zu sein, über Monate langsam zurückmeldet, hat genau das erlebt: nicht das Wiederfinden eines Gegenstands, sondern das Wiederanlaufen einer Bewegung.

Vier Klassen, und die Grenzen dazwischen sind scharf

Aus den drei Ebenen fällt eine Einteilung, die ohne jedes vage Gerede über Komplexität auskommt. Man fragt nur: Auf welchen Ebenen läuft eine anhaltende Bewegung?

  • Nicht lebend — keine. Ein Kristall, eine Galaxie: geordnet und in Ruhe.
  • Lebend, nicht bewusst — Bewegung auf der Ebene der Ordnung. Es erhält sich durch Kreisläufe und modelliert nichts. Das Bakterium, der Baum.
  • Bewusst — dazu Bewegung auf der Ebene der Überzeugung. Es lebt und schließt, aktualisiert fortwährend ein Bild seines Zustands. Das Tier, das wahrnimmt und danach handelt.
  • Selbstbewusst — dazu Bewegung auf der Ebene des Selbstmodells. Es lebt, schließt und hält ein Modell seines eigenen Schließens als Identität. Das Wesen, das nicht nur weiß, sondern weiß, dass es weiß — und daran arbeitet, über die Zeit derselbe Wissende zu bleiben.

Jede Stufe enthält die vorige zwingend; jede fügt genau eine Bewegung hinzu; und die Grenzen sind scharfe Bedingungen auf einer messbaren Größe statt Eindrücke von Kompliziertheit. Die Einteilung selbst kennzeichnet Schmieke als abgeleitet. Dass die oberen beiden Klassen tatsächlich Bewusstsein und Selbstsein sind und nicht bloß deren äußeres Zeichen, kennzeichnet er als gesetzt — und zwar an jeder einzelnen Stelle.

Warum die Spiegel aufhören

Jetzt kommt eines der schönsten Argumente des Buches, und es beantwortet eine Frage, die sich beim Lesen zwangsläufig stellt: Wenn das Selbst ein Modell seines Modellierens ist — warum hört das dann jemals auf? Warum nicht ein Modell des Modells des Modells, unendlich?

Und hier zeigt sich noch einmal, warum ich dieses Buch so schätze. Die eine Hälfte des Arguments — dass jede weitere Iteration schon innerhalb der zweiten Ordnung landet — ist bewiesen und im Buch als abgeleitet gekennzeichnet. Die andere Hälfte — dass damit auch kategorial keine vierte Stufe existieren kann — markiert Schmieke ausdrücklich als Vermutung, also als offen.

Er hätte das leicht verschweigen können. Der Satz „es gibt genau drei“ liest sich besser als „es gibt genau drei, wobei die Hälfte des Beweises noch aussteht“. Er schreibt die zweite Version.

Dieselben drei Stufen, von zwei Seiten gefunden

Bemerkenswert ist, dass genau diese drei Stufen schon einmal gefunden wurden — von der anderen Seite her. Der Logiker Gotthard Günther hat jahrzehntelang eine Stufenlehre der Reflexion ausgearbeitet und ihr Namen gegeben:

  • Sein — ohne jeden Selbstbezug. Die objektive Ordnung, die niemandem gehört.
  • Erleben — der gelebte Selbstbezug eines Vorgangs, der sich selbst gegenwärtig ist.
  • Selbstbewusstsein — das Ich, das sein eigenes Reflektieren zum Gegenstand nimmt.

Sie fallen eins zu eins mit Schmiekes drei Ordnungen zusammen. Günther kam über die philosophische Analyse dessen, welchen logischen Platz ein Subjekt einnehmen kann; Schmieke kommt aus der Struktur der Unterscheidungsoperation. Die Namen kommen als Folgerungen an, nicht als Voraussetzungen — und das ist die Art von Übereinstimmung, die etwas bedeutet.

Wenn die Aufführung ins Stocken geraten ist

Phasen, in denen man sich selbst abhandengekommen ist, folgen fast immer auf einen Bühnenwechsel — Trennung, Abschied, Aufbruch, Verlust. Schildere mir deine Situation, und ich schaue mit der TimeWaver-Technologie in dein Informationsfeld: welche Muster dort gerade Resonanz zeigen. Du erhältst drei persönliche Impulse mit einem konkreten Ansatzpunkt.

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Dieser Artikel referiert Gedanken aus einem physikalisch-philosophischen Fachbuch und ist als Alltagsorientierung gedacht. Sämtliche Gedanken und Bilder stammen von Marcus Schmieke; die Zuordnungen zum Alltag sind meine eigenen Übertragungen und keine Aussagen des Buches. Die beschriebenen Impulse unterstützen das allgemeine Wohlbefinden und die ganzheitliche Balance. Sie stellen keine medizinische Diagnose dar, versprechen keine Heilung und ersetzen keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.