Wissenschaft & Inspiration

Was beim Meditieren geschiehtGelesen in einem Physikbuch — mit einem ausdrücklichen Riegel gegen die Schlüsse, die man gerne zöge

Man erwartet von einem Physikbuch keine Aussagen über Meditation. Es gibt sie trotzdem, und sie sind präziser, als man vermuten würde: warum der Alltagszustand nach außen zeigt, warum der Schritt in die Stille leichter ist als der in die Selbsterkenntnis — und warum es einen Satz gibt, den ich für den wichtigsten des ganzen Buches halte.

Von Wolfgang Blüml  ·  7. August 2026  ·  13 Min. Lesezeit

Eine meditierende Gestalt zwischen nach innen führender Konzentration und nach außen strömender Offenheit, mit ruhender heller Mitte

Ich habe dieses Buch nicht wegen der Meditation gelesen. Die Passagen darüber habe ich beim Lesen gefunden — verstreut über mehrere Kapitel, oft in Randbemerkungen, nie als eigener Abschnitt. Ich trage sie hier zusammen.

Warum der Alltagszustand nach außen zeigt

Schmieke führt eine Größe ein, die misst, welcher Anteil der Bewegung in einem gegebenen Zustand überwiegt. Und daraus fällt eine Beschreibung dreier Zustände, die jeder kennt.

  • Wo der äußere Anteil die Bewegung ausschöpft, ist die innere Lesart entartet und die Ebene leer: wache Außenwendung, Zusammenhang ohne innere Geschichte. Das ist der Alltagsmodus — der Zustand, in dem man einen Tag durchläuft und abends nicht sagen könnte, was man dabei erlebt hat.
  • Wo der innere Anteil vergleichbar groß wird, gewinnt die seelische Dynamik ihre eigene Autonomie. Schmieke nennt hier wörtlich: Traum, Tagträumen und die frühen Stadien der Meditation.
  • Und dann gibt es einen dritten Schritt, der nicht dasselbe ist — den in die Selbsterkenntnis.

Der interessante Teil ist, was er an diese Aufzählung anhängt: Die Barrieren zwischen diesen Bereichen sind ungleich hoch. Der Schritt in die seelische Autonomie ist weit billiger als der Schritt in die Selbsterkenntnis. Er markiert das als strukturelle Vorhersage — und vermerkt, dass sie sich mit dem deckt, was jede kontemplative Tradition berichtet. Im Buch steht dort offen, weil die genaue Zuordnung eine Vermutung ist.

Wer je gemeinsam mit anderen geübt hat, kennt genau diese Ungleichheit. In einen ruhigen, weiten, angenehmen Zustand zu kommen, ist eine Sache von Wochen. Der Schritt danach ist eine Sache von Jahren — und viele bleiben, verständlicherweise, im ersten stehen und halten ihn für das Ziel.

Die Atmung des Geistes

Das ist für mich die brauchbarste Passage des ganzen Buches, und sie steht versteckt in einer Randbemerkung.

Auf der geistigen Ebene laufen dieselben drei Verben. Das Setzen ist das Sich-Entscheiden seelischen Inhalts — ein Gedanke, der zur Ruhe kommt, Aufmerksamkeit, die sich sammelt. Das Streuen ist Offenheit — die Weite der Assoziation. Und das Drehen ist das, was die Ebene überhaupt zu einer reflexiven macht.

Daraus folgt eine Beschreibung, die jeder Übende sofort wiedererkennt:

  1. Bewegung ohne SetzenDas breite Schimmern der freien Assoziation. Man ist wach und innen, aber nichts kommt zur Ruhe. Ein Gedanke gibt den nächsten, es ist nicht unangenehm, und nach vierzig Minuten ist man genau da, wo man angefangen hat.
  2. Setzen ohne BewegungStabilisierung, die niemand durchlebt. Konzentration, in der niemand mehr zu Hause ist. Man hält den Fokus, und es ist auf eine seltsame Weise leer.
  3. Beides zugleichGesammelte Erfahrung. Etwas kommt zur Ruhe, und jemand ist dabei.

Und dann der Satz, an dem sich die ganze Praxis aufhängen lässt: Jeder gesetzte Gedanke ist, sobald er gesetzt ist, ein Protokoll — eine Erinnerung, eine Aufzeichnung, keine lebendige Rückkehr mehr. Die Psyche stuft ihre eigene Reflexion fortwährend zu Aufzeichnungen herab, und die Bewegung bevölkert fortwährend neu, was das Setzen wegentschieden hat.

“Die Bewegung schlägt vor, das Setzen entscheidet, das Entschiedene wird Protokoll, und der Takt geht weiter.”— Marcus Schmieke, sinngemäß

Das ist die Atmung des Geistes, geschrieben als das Zusammenspiel zweier Terme einer Gleichung. Ein Geist, der nur setzte, würde in sein eigenes Archiv entspannen — Informationsverarbeitung ohne Reflexion. Ein Geist, der sich nur drehte, würde nie einen Gedanken zu Ende bringen.

Was beim Meditieren tatsächlich geschieht — laut Modell

Nun die alte Frage: Bewegt der Geist die Materie? Schmieke beantwortet sie, indem er sie an den richtigen Ort schiebt.

Wenn ein Mensch sich entscheidet — zu meditieren statt sich zu zerstreuen, aufmerksam zu sein statt abzudriften —, dann ist die Erklärung nicht waagerecht, also nicht „die geistige Lesart beeinflusste die körperliche“. Sie ist senkrecht.

Die Bewegung geschieht in der Quelle. Sie verschiebt das Ganze zu einem anderen Punkt hin — einem, an dem der körperliche Zustand (die gesetzte Haltung, der verlangsamte Atem), der geistige Zustand (die gesammelte Aufmerksamkeit) und der reflexive Zustand (das Selbst, das sich im Akt weiß) gleichzeitig mitgegeben sind. Die drei Lesarten ändern sich zusammen — nicht weil eine die anderen bewegte, sondern weil alle drei Schatten desselben Gegenstands sind.

“Sie bewegen Materie nicht mit Gedanken. Sie bewegen, an der Quelle, das eine Ding, von dem Körper und Gedanke die zwei Schatten sind.”— Marcus Schmieke

An einer anderen Stelle steht dieselbe Beobachtung nüchterner. Im gewöhnlichen Wachzustand ist die Kopplung zwischen körperlicher und geistiger Lesart maximal — deshalb sieht der Geist aus wie die Antwortfunktion des Gehirns. Im Traum sinkt die Eingangsseite dieser Kopplung, und die geistige Dynamik läuft autonom; die seltsame Logik von Träumen ist genau das, wonach die geistige Lesart aussieht, wenn sie nicht mehr vom Körper getaktet wird. Und in tiefer Meditation wird die Kopplung absichtlich verringert. Auch diese Zuordnung ist im Buch als offen markiert.

Warum das Gehirn Bewusstsein nicht herstellt

Das ist keine Abschwächung, sondern eine Verschärfung. Das Gehirn stellt Bewusstsein so wenig her, wie ein Schatten den anderen herstellt. Dass die Erfahrung dem Gehirnzustand auf die Millisekunde folgt, ist kein Beweis für Erzeugung — es ist eine Stimmigkeitsbedingung, die tut, was Stimmigkeitsbedingungen tun: das unstimmige Paar verbieten.

Und eine Nebenbemerkung, die Physiker aufhorchen lässt: Schmieke rechnet vor, dass die physikalische Beschreibung nur im Regime der schnellen Ankopplung geschlossen aussieht — dem gewöhnlichen Wachzustand. Deshalb, sagt er, hat jeder Präzisionstest, den die Physik je durchgeführt hat, eine geschlossene Physik zurückgeliefert: Sie wurden alle in diesem Regime durchgeführt. Wo man nach der Kante suchen müsste, benennt er ausdrücklich — und die Adresse ist nicht der Teilchenbeschleuniger, sondern: Traum, tiefe Versenkung, Nahtod. Die Größenordnung eines solchen Rests ist im Buch als offen markiert und unberechnet.

Das Auge, das sich selbst nicht sehen kann

Am Gipfel der Selbsterkenntnis findet Schmieke einen Rest, der sich nicht wegrechnen lässt — und er zeigt, dass dieser Rest notwendig ist, nicht zufällig.

Schmiekes eigene Wette, und er nennt sie ausdrücklich eine Wette: Dieser unberührbare Zeuge am Gipfel ist derselbe stille Grund, aus dem die erste Unterscheidung hervorging — das Auge, das sich selbst nicht sieht, und das Licht, in dem alles andere gesehen wird. Was die vedantische Tradition cit nennt.

Er markiert diesen Schritt nicht als abgeleitet und nicht einmal als gesetzt, sondern mit einem eigenen, schwächeren Etikett: abduziert — Schluss auf die beste Erklärung, ausdrücklich keine Herleitung.

Und er fügt eine Präzisierung an, die nur jemand macht, der genau weiß, was er tut: In der ersten Person ist diese Gleichsetzung nicht erschlossen, sondern bezeugt — wer bestreitet, dass die Subjektstelle bewusst ist, führt das Bestreiten von dieser Stelle aus durch, bewusst. Was abduktiv bleibt, ist allein die Verallgemeinerung in die dritte Person. Das Etikett misst Übertragbarkeit, nicht Zweifel.

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Dieser Artikel referiert Gedanken aus einem physikalisch-philosophischen Fachbuch und ist als Alltagsorientierung gedacht. Sämtliche Gedanken und Bilder stammen von Marcus Schmieke; die Zuordnungen zum Alltag sind meine eigenen Übertragungen und keine Aussagen des Buches. Der Artikel enthält keine Aussage darüber, was Meditation bewirkt. Die beschriebenen Impulse unterstützen das allgemeine Wohlbefinden und die ganzheitliche Balance. Sie stellen keine medizinische Diagnose dar, versprechen keine Heilung und ersetzen keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.